Wo ist eigentlich meine Heimat?

Erinnerungen an Shingal, den Verlust meiner Heimat und den Versuch, irgendwo neu anzukommen

bild6
von Ghalia Khalaf
vom 21.10.2026

Wenn ich an meiner Heimat denke, denke ich nicht zuerst an Krieg oder Flucht. Ich denke an die schönen Momente mit meiner Familie und der jesidischen Gemeinschaft.

In Shingal/Sinjar, im Irak, wo viele Jesid*innen leben, hatten wir ein einfaches Leben. Kein Social Media, keine Smartphones, die uns ständig beschäftigt haben. Nur ein kleiner altmodischer Fernseher. Wenn ein Film lief, war das etwas Besonderes. Denn wir saßen zusammen und haben uns gefreut, einen Film anschauen zu können. Unser Leben fand draußen statt. Wir spielten viele verschiedene Spiele miteinander, wie Fangen, Knucklebones mit kleinen Steinen, Hickelkasten sowie Abklatschen. Wir brauchten keine Apps, um uns zu beschäftigen. Wir hatten einander.

Auch viele Dinge des täglichen Lebens machten wir selbst. Wir hatten unser eigenes Gemüse und Obst, was wir anbauen und ernten konnten. Außerdem konnten wir unsere eigenen Milchprodukte herstellen. Denn viele jesidische Familien hatten ihre eigenen Tiere, darunter Hühner, Ziegen und Schafe. Wir versorgten sie mit sehr viel Liebe und liefen mit ihnen in die Berge. Vieles was wir zum Leben brauchten, entstand in der Familie oder in der Gemeinschaft. Häuser wurden selbst gebaut, ohne, dass man dafür eine Ausbildung oder Studium abschließen musste. Auch Bettbezüge, Kissen und Decken wurden selbst hergestellt. Es war ein einfaches Leben, aber ich empfand es nicht als ein armes Leben. Wir waren dankbar und zufrieden mit dem, was wir bereits hatten.

Eine meiner schönsten Erinnerungen ist das Schlafen unter freiem Himmel. Auf den Dächern oder im Innenhof standen große Betten. Über unseren Betten hing ein Moskitonetz, damit wir nachts unsere Ruhe vor den Mücken hatten. Manchmal begann es nachts zu nieseln. Dann haben wir einfach unsere Decken über den Kopf gezogen und weitergeschlafen. Heute muss ich darüber lächeln. Ich denke man braucht kein Luxus, um ein erfülltes und friedliches Leben zu haben. Bereits die einfachen Dinge können glücklich machen. Und genau das war das Besondere an unserer Gemeinschaft. Ich erinnere mich daran, dass wir als Jesid*innen ein Volk waren, das miteinander friedlich lebte.

03.08.2014

Dann kam der 03. August 2014. Der sogenannte Islamische Staat (IS) griff Shingal und die dort lebende jesidische Bevölkerung an. Tausende Jesid*innen wurden getötet, verschleppt und vertrieben. Viele Frauen wurden verschleppt, versklavt und missbraucht. Für alle Jesid*innen ist der 03.08.2014 nicht nur ein Datum aus dem Geschichtsbuch. Es ist der Zeitpunkt, an dem sich unsere Vorstellung von Heimat verändert hat. Menschen mussten fliehen. Familien wurden auseinandergerissen. Sie verloren ihre Häuser, ihre Angehörigen, ihre Sicherheit und ihr bisheriges Leben. Und mit der Flucht verliert man nicht nur einen Ort. Man verliert einen Teil seines Alltags. Die Straßen, die man kennt. Die Menschen, die man kennt. Das Haus. Die Gerüche. Die Geräusche. Die Sprache, die überall gesprochen wird. Die Feste. Die Orte aus der Kindheit. Man verliert Dinge, von denen man vorher nicht wusste, dass sie zur Heimat gehören.

,,Yezidi Demonstration at the White House, Summer 2014'' von Kaitlynn Hendricks via Wikimedia

Vielleicht kennen viele Menschen, die fliehen mussten, dieses Gefühl. Man wünscht sich eigentlich nichts Außergewöhnliches. Man möchte sicher sein. Man möchte arbeiten, lernen, Freunde haben, eine Familie gründen und sich ein Leben aufbauen. Man möchte etwas zur Gesellschaft beitragen und in Sicherheit leben. Flucht bedeutet oft, dass man ein Leben zurücklassen musste, das man eigentlich behalten wollte. Dabei fliehen Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen. Manche fliehen vor Krieg und Verfolgung, andere vor politischer Unterdrückung und Naturkatastrophen. Hinter jeder Flucht steht aber ein Mensch mit einer Geschichte, mit Erinnerungen, Hoffnungen und Zukunftsplänen.

Ich habe meine Heimat nicht freiwillig verlassen. Es sind bereits 12 Jahre vergangen seit dem 74. Genozid an den Jesid*innen (diese Anzahl wird immer wieder mündlich weitergegeben) und niemand von uns kann die Geschehnisse jemals vergessen. Jesid*innen mussten sich trennen und nun sind sie auf viele andere Länder verteilt. Für viele Jesid*innen bedeutet das ein neues Leben in Deutschland. Man lernt eine neue Sprache, neue Menschen und Schulen kennen. Man versucht sich anzupassen und Freundschaften aufzubauen. Man macht Pläne für die Zukunft. Aber manchmal merkt man trotzdem, dass man zwischen zwei Welten steht. Es gibt schöne Erfahrungen. Es gibt Menschen, die einen willkommen heißen und helfen. Es gibt aber auch Rassismus und Situationen, in denen man merkt, dass andere einen nicht als zugehörig sehen.

Und dann gibt es noch eine andere Angst, die viele Menschen mit Fluchterfahrungen kennen: die Angst davor, das neu aufgebaute Leben wieder zu verlieren, weil man abgeschoben wird. Wie soll man sich ein Zuhause aufbauen, wenn man nicht weiß, ob man bleiben darf oder nicht? Manchmal wird über die Rückkehr in den Irak gesprochen, als wäre sie einfach. Aber für mich bedeutet ,,zurück'' nicht einfach, wieder nach Hause zu gehen. Das Shingal meiner Kindheit existiert nicht mehr.

Und auch die Situation in der Region ist immernoch unsicher. Für die Jesid*innen ist eine sichere und dauerhafte Rückkehr deshalb keine einfache Möglichkeit. Außerdem wird davon gesprochen, den Ort der Jesid*innen ,,wiederaufzubauen'', um sie dorthin abschieben zu können. Der Ort der Jesid*innen ist seit 2014 durch graue Erinnerungen, Angst und Unsicherheit geprägt. Daher denke ich, dass die Jesid*innen aus den verschiedenen Ländern nicht abgeschoben werden möchten. Auch aus Angst vor einem erneuten Genozid.

,,Yazidi demonstration in front of the White House in Washington DC'' von Êzîdîxan via Wikimedia
,,Destroyed city of Shingal, after the so-called "Islamic State" had been driven out'' von VierterBlick via Wikimedia

Viele Menschen versuchen sich hier, in Deutschland, ein dauerhaftes Leben aufzubauen. Sie lernen die Sprache, arbeiten, bilden sich fort und gestalten eine bunte und vielfältige Gesellschaft aktiv mit. Viele Jesid*innen, die noch im Irak leben, haben außerdem nicht einmal die Chance in einer Wohnung oder in einem Haus zu leben. Denn sie leben noch in Flüchtlingslagern und wissen nicht weiter. Diese Menschen hätten auch in ihrer Heimat friedlich mit ihrer Familien und Gemeinschaft leben können. Darüber hinaus werden sehr viele Personen weiter vermisst oder befinden sich immernoch in der IS - Gefangenschaft. Diese Menschen haben überhaupt keine Chance auf einen Neuanfang.

Wir leben in einer Welt, die für viele Menschen bereits schwierig genug ist. Gewalt, Kriege, Klimaveränderungen, Armut und Verfolgung können dazu führen, dass Menschen ihre Heimat verlieren. Gerade deshalb sollten wir nicht noch zusätzliche Grenzen zwischen Menschen schaffen, indem wir ihnen mit Hass und Rassismus begegnen. Solidarität bedeutet für mich nicht, dass alle Menschen gleich sein müssen. Es bedeutet, dass wir uns gegenseitig als Menschen sehen. Niemand sollte sich dafür rechtfertigen müssen, dass er Sicherheit sucht. Und niemand sollte vergessen, dass Heimat, Sicherheit und ein friedliches Leben keine Selbstverständlichkeit sind.